Roman von Anne Chaplet – Schrei nach Stille

Unter Pseudonym schreibt die Politologin Cora Stephan kluge Krimis

18.05.2009 Andrea Reidt

„Schrei nach Stille" ist Anne Chaplets neunter psychologischer Kriminalroman. Anne Chaplet gibt es gar nicht: Die Autorin heißt Cora Stephan.

Worum geht es in dem Krimi „Schrei nach Stille“? Über den Roman, der wieder wie die meisten anderen Bücher von Anne Chaplet im fiktiven Dorf Klein-Roda in der Rhön und in Frankfurt am Main spielt hat sich die Denkerin Cora Stephan – sozusagen das Über-Ich der Krimiautorin – selbst geäußert:

Anne Chaplet über ihr Buch

„‚Schrei nach Stille‘“ ist ein Buch über das Erinnern – und über das Vergessen. Das Erinnern ist nicht immer richtig und das Vergessen ist nicht immer falsch ... Es ist die Geschichte einer Frau, deren Gedächtnis trügt und die die Wahrheit erst erkennt, als es zu spät ist. Es ist die Geschichte eines Dorfes, das vergessen will und sich erinnern muss. Es ist die Geschichte des Konflikts zwischen Stadt und Land: hier die Freiheit und die Gefahr, da die Geborgenheit und die Kontrolle. Und es ist die Geschichte einer Überforderung: wie Menschen einander zu viel zumuten.“ Besser kann man es nicht ausdrücken.

Leben 1968 in einer Kommune

Vielleicht sollte man noch ergänzen, dass der Roman auch zur Aufarbeitung, wenn nicht Desillusionierung oder Entthronung der 68er Ideale beiträgt. Die Hauptfigur Sophie Winter erlebte den „Summer of Love“ als Flower-Power-Girl in einer Dreier-Kommune und verwickelte sich in die üblichen Widersprüche von freier Liebe, Bindungswünschen, Eifersucht. Wie viele Mädchen und Frauen dieser Generation lässt sie sich aus falsch verstandenen Freiheitsidealen heraus von Männern ausnutzen. Im Unterschied zu anderen aber schafft sie die Kurve in bürgerliche Etabliertheit und Wohlstand, indem sie einen Bestseller schreibt und indem sie ein wichtiges – kriminelles – Detail ihrer Vergangenheit verdrängt.

Demenz eines alt gewordenen Hippiemädchens

Es gelingt Anne Chaplet vorzüglich, das alt gewordene Blumenkind Sophie Winter gerade durch eine beginnende Demenz wieder auf ihr (moralisches) Gedächtnis zurückzuführen. Erinnerung und gegenwärtige Eindrücke und Erlebnisse vermischen sich in Sophie Bewusstsein und verschaffen ihr einerseits Besinnung auf Wesentliches und schließlich endgültiges Abtauchen in ewig dunkles Vergessen.

Worüber die Historiker nicht schreiben können ...

Warum schreibt eine kluge Publizistin, promovierte Politologin und Historikerin, Ex-"Spiegel"-Redakteurin, Rundfunkmoderatorin und vor allem hochbegabte Essayistin plötzlich Krimis? Diese Frage – so oder anders zugespitzt – wird der Autorin offenbar häufig in ihren Lesungen gestellt. Darauf gibt sie zwei verschiedene Antworten. Die erste kommt aus dem Bauch und ist ganz persönlich: Das spät begonnene Schreiben von Krimis mache ihr mehr Spaß als alle Jobs ihres ganzen Berufslebens zusammen. Der Erfolg spornt sie vermutlich auch an, schließlich hat Anne Chaplet zweimal den Deutschen Krimipreis und einmal den Krimipreis von Radio Bremen erhalten.

... erzählen Romane besser

Die zweite Antwort hat Cora Stephan ausführlich in einem Essay gegeben: „Warum sich über manches Verhängnis nur ein Roman schreiben läßt. Über die heilende Wirkung der Fiktion“. Sie zitiert darin den ungarischen Autor Peter Esterházy, um den Vorzug fiktionaler Literatur zu kennzeichnen: „Bücher erzählen Geschichten, damit man die eigene Geschichte nicht erzählen muss.“

Cora Stephan alias Anne Chaplet und die deutsche Geschichte

Cora Stephans Intelligenz vernebelt ihr glücklicherweise nicht den Blick und die Sprache. Als Anne Chaplet gebraucht sie in ihren Romanen eine zugleich einfache und poetische Sprache, auch und gerade wenn die Zusammenhänge und Sachverhalte kompliziert und erklärungsbedürftig sind. Sie holt die Leser (vor allem sicher Leserinnen) dort ab, wo sie stehen, und erfüllt damit eine Grundbedingung gelungenen Marketings, in diesem Fall Leserwerbung. Dieses Phänomen ist so erfreulich, weil ihre Krimis meist sehr politisch sind oder in gesellschaftlich brisante Zonen vordringen. Dies trifft umso mehr zu, desto tiefer in die Provinz und in ländlichen Alltag die dramatischen Romanereignisse abdriften. Auf diese Weise berührt die Autorin nicht nur in diesem neunten Buch tiefe politische Schichten der deutschen „Seele“ und der jüngeren deutschen Geschichte.

Das Tagebuch der Anne Chaplet

Anne Chaplet ist sich auch nicht zu schade, um ihre Fans mit einem (banalen?) Tagebuch-Blog bei Laune zu halten und an den vermeintlich unbedeutenden Tätigkeiten und Gedanken einer Schriftstellerin teilhaben zu lassen, die zwischen ihren Schreibtischen in Oberhessen, in Frankfurt und in Südfrankreich wandert. Erstaunlicherweise bestätigt ausgerechnet diese Autorin – die sich in mehreren wissenschaftlichen Publikationen mit der Geschichte der Sozialdemokratie und mit sozialistischen Utopien auseinandergesetzt hat – immer wieder die klischeehaften Rosamunde-Pilcher-Vorstellungen vieler Leserinnen über das glückliche Leben einer geografisch und ökonomisch freien Schriftstellerin mit inspirierenden Wohnungen in schönen Landschaften. Auf diesem Gebiet verlässt Anne Chaplet die Fiktionalität und begibt sich als Dr. Cora Stephan in die Wirklichkeit. Allerdings – um welche Wirklichkeit handelt es sich?

Anne Chaplet: Schrei nach Stille. Kriminalroman. List Verlag 2008. Gebunden, 334 Seiten. Euro 19,90 (auch als Hörbuch, Euro 19,95). Für Dezember 2009 hat List das Erscheinen der Taschenbuch-Ausgabe angekündigt (Euro 8,95).

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