Stalking – Rezension zum Krimi von Jason Starr

Wenn eingebildete Liebe zu einer realen Besessenheit wird

20.08.2009 Nicole Korzonnek

Kann man in einer oberflächlichen Gesellschaft, die von flüchtigen Bekanntschaften geprägt ist, wahre Liebe finden? Starr geht in seinem Roman dieser Frage auf den Grund.

Eigenwahrnehmung und Fremdansicht klaffen im Alltag häufig extrem auseinander. Man ist eben meistens nicht so, wie man sich selbst sieht oder wie man von Menschen, die einem wichtig sind, gesehen werden möchte. Meist ist das nicht weiter schlimm, doch es gibt Personen, die in ihrer Wahrnehmung der Realität derart neben der Spur laufen, dass eine Katastrophe unausweichlich ist. Um genau so einen Menschen geht es in dem aktuellen Roman „Stalking“ von Jason Starr. Das an sich ist ja schon ein großes Thema, aber ganz nebenbei verpasst der Autor der oberflächlichen Schickimickigesellschaft in Großstädten auch noch eine schallende Ohrfeige.

Wenn Liebe zu Besessenheit wird: „Stalking“

Die Begriff „Stalking“ erlangte durch Wissenschaftler wie Zona, Meloy und Gothard eine gewisse Popularität. Unter einem Stalker versteht man eine Person, die einen anderen Menschen dauerhaft physisch und psychisch bedrängt, belästigt und bedroht. Dank dieser Definition wird dann auch recht schnell klar, worum es in dem Krimi von Jason Starr geht: Peter verzehrt sich nach Katie, die er seit seiner Jugend kennt. Jahrelang verliert er sie aus den Augen, findet sie dann aber in New York wieder. In schillernden Farben träumt er von einer gemeinsamen Zukunft, kauft ihr prophylaktisch eine Eigentumswohnung und einen Verlobungsring, und spioniert ihr Leben aus, damit er ihr „zufällig“ begegnen kann. Für Peter ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis sich Katie in ihn verliebt und die beiden bis ins hohe Alter zusammen glücklich werden können.

Die andere Seite in „Stalking“

Während Peter sich immer mehr in seinen Liebeswahn hineinsteigert und dabei schnell psychopathische Züge entwickelt, lernt man als Leser Katies Leben und Denken besser kennen. Denn die sieht in Peter nur einen guten Bekannten, der ihr aber ob seiner Aufdringlichkeit immer unheimlicher wird. Viel lieber konzentriert sie sich auf ihre Beziehung zu ihrem neuen Freund Andy, der ein richtiger Frauenheld zu sein scheint. Erst als Andy ermordet wird und Peter ihr einen protzigen Heiratsantrag macht, merkt Katie, dass hier etwas verdammt schief läuft.

Erzählperspektiven in „Stalking“

Dank der personalen Erzählperspektiven erfährt man als Leser nach und nach die ganze Geschichte mit all ihren Hintergründen (und davon gibt es eine Menge in diesem Roman), und kann sich dementsprechend gut in die unterschiedlichen Figuren hineinversetzen. Mal begleitet man Peter, mal Katie, mal anderen Personen in ihrem Leben. Oft überschneiden sich die Zeitabläufe dabei. So wird ein einziger Tag zum Beispiel nicht nur auf Peters emotionale Lage hin durchleuchtet, sondern auch Katies Gefühlswelt wiedergegeben. Jason Starr verbindet diesen Wechsel der Figuren immer mit dem Alltag des jeweiligen Protagonisten.

Die Gesellschaftskritik des Jason Starr

Und genau das ist der eigentliche Clou des Romans, lernt man die beschriebenen Menschen doch von ihrer banal-normalen Seite kennen. Einer Seite, die bei jedem vor Oberflächlichkeiten und Klischees zu strotzen scheint. Hier kommt es allen darauf an, wie sie aussehen, wie sie bei anderen ankommen, wie sie sich am besten darstellen können. Dabei reden sie aber auch alle ständig aneinander vorbei und missverstehen sich konsequent. Selbst ohne Peters Psycho-Faktor, der die Situation letztlich zum Eskalieren bringt, hätten sie allesamt über kurz oder lang durch ihre extreme Oberflächlichkeit leiden müssen. Viele der von Jason Starr beschriebenen Verhaltensmuster lassen sich ohne weiteres genau so auf unsere Realität übertragen, denn auch hier kommt es nur allzu oft auf den äußeren Status und nicht auf den inneren Wert an. Dadurch ist „Stalking“ weit mehr als ein raffiniert psychologisch aufgebauter Krimi: Die subtile Gesellschaftskritik macht diesen Roman zu einem erschreckend ehrlichen Spiegel unserer Zeit.

Jason Starr: Stalking. Diogenes 2009. Taschenbuch, 523 Seiten. Euro 11,90.

Der Artikel Stalking – Rezension zum Krimi von Jason Starr in Krimis & Thriller unterliegt dem Urheberrecht. Jegliche Verwendung dieses Textes, auch auszugsweise, erfordert die vorherige schriftliche Erlaubnis des Autors. Autor des Artikels Stalking – Rezension zum Krimi von Jason Starr ist Nicole Korzonnek.
Starr: Stalking, Diogenes Starr: Stalking
   
;